Albert Cohen – Die Schöne des Herrn

Cohen»O Anfänge, Küsse der Anfänge, Abgründe ihrer Schicksale (…).

O Anfänge, o Küsse, o Lust der Frau am Mund des Mannes, Säfte der Jugend (…).

O Anfänge, Nacht der ersten Küsse.

O Anfänge, junge Küsse, Liebesfragen, absurde und eintönige Fragen (…).

O Anfänge, zwei Unbekannte, sich plötzlich auf wunderbare Weise erkennend (…).«

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch dessen Besprechung im Literaturclub am 16. Oktober 2012. Von Elke Heidenreich als eines der schönsten Bücher gelobt, die sie bisher gelesen hatte, war mein Interesse geweckt. Und tatsächlich: Hier findet sich eine Liebesgeschichte so anrührend und erhebend, so traurig und zerstörerisch zugleich.

Handlung

Genf in den dreißiger Jahren. Der schöne Solal, Untergeneralsekretär des Genfer Völkerbundes verliebt sich in die nicht minder hübsche Ariane, eine Protestantin aus gutem Hause, Ehefrau von Adrien D’eume, einem Untergebenen Solals. Beseelt von dem Wunsch ausschließlich seiner selbst willen geliebt zu werden, dringt er eines abends, verkleidet als zahnloser Greis, in das Zimmer seiner Angebeteten ein. Schnell muss er jedoch feststellen, dass Ariane nicht in der Lage ist seinem Wunsch zu entsprechen. Entsetzt von diesem Überfall und angewidert von der Figur des Greises, verweigert sie sich seinen Annäherungsversuchen. Enttäuscht von der oberflächlichen Beschaffenheit der weiblichen Zuneigung demaskiert sich Solal und prophezeit, Ariane zu einem späteren Zeitpunkt zu verführen.

Und tatsächlich, bereits bei ihrer nächsten Begegnung macht sich der Genfer Don Juan seine Auserwählte mithilfe einer flammenden Rede zu eigen. Ariane, die körperliche Liebe bisher nur als lästige Pflicht, animalisch und triebhaft wahrgenommen hatte, erliegt Solal binnen drei Stunden und eine große Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Beide flüchten aus ihren bisherigen Leben, um fortan ausschließlich füreinander zu existieren. Es passiert, was passieren muss: Diese Liebe richtet sich schließlich gegen die beiden, sie steuern geradewegs auf einen Abgrund zu.

Rezension

Über die Schöne des Herrn sind schon viele Worte verloren worden, sogar von Jahrhundertliteratur ist die Rede. Aber was macht diesen Roman so besonders, dass ich es nicht missen möchte ihn hier vorzustellen?

Die Schöne des Herrn ist ein Roman, der sich nicht so leicht greifen lässt. Neben der Liebesgeschichte behandelt er eine Vielzahl von weiteren Themen, die sich immer wieder abwechseln. Kaleidoskopartig sind die einzelnen Szenen zusammengesetzt und schaffen so eine ganz besondere Atmosphäre. Immer wieder wird der Leser aus einem Bild herausgegriffen und in ein neues, völlig anderes hineinkatapultiert, in welchem er sich erst einmal zurecht finden muss. Beispielsweise gewährt uns Cohen einen Einblick in das Leben der Genfer Oberschicht, seine staubtrockenen Schilderungen des Bürokratendaseins verlangen dem Leser einiges an Geduld ab, sprühen aber auch vor Witz und Ironie. Für morgenländisch anmutende Szenen sorgen die Auftritte Solals Cousins, aber auch der aufkeimende Antisemitismus findet Platz in diesem Werk. Vor allem aber ist Albert Cohens Die Schöne des Herrn  eine Geschichte der Liebe, ohne jedoch eine Liebesgeschichte zu sein. Das zweifellose Herzzstück des Romans – Solals Rede – lädt den Leser geradezu ein, im Salon der Hauptfigur Platz zu nehmen und den Geheimnissen eines Don Juans zu lauschen. Er wird Zeuge einer aufkeimenden Liebe und begleitet das Paar durch ihre Höhen und Tiefen. Cohen ist in der Lage das himmelschreiende Glück, den Überschwang der Gefühle und die fast schon dümmlich anmutenden Rituale einer anfangenden Liebe einzufangen und so zu Papier zu bringen, dass es dem Leser scheint, er selbst sei Teil des Paares. Leider trifft dies auch auf die Kehrseite zu und so werden wir Zeuge, wie diese Liebe, die eine Absolute ist und keinerlei Ablenkung duldet, langsam an sich selbst erstickt. Cohen zeigt hier das auf, was uns Shakespeare in Romeo und Julia durch den Kunstgriff des schnellen Todes der beiden Hauptfiguren ersparte: Den bitteren Todeskampf einer anfangs wundervollen Liebe.

Fazit

Ein Roman der Extraklasse, eine grauenvoll wunderbare Liebesgeschichte, darf in keinem Bücherregal fehlen!

erschienen bei: Klett-Cotta

zu kaufen: hier

zur Besprechung im Literaturclub

 

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Ein Gedanke zu “Albert Cohen – Die Schöne des Herrn

  1. Die rezension macht mich neugierig obwohl es eher nicht mein genre ist.bin schon gespannt auf weitere rezensionen zu hoffentlich verschiedensten schätzen.schön ist auch die präsentation des buches 😉

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