Karen Duve – Regenroman

Es ist mirRegenroman ein besonderes Anliegen in diesem Blog auch Raum für ernstzunehmende weibliche Autorinnen zu schaffen, die nicht die »typisch weibliche Unterhaltungsliteratur« produzieren, und die es in der Regel schwerer haben gelesen zu werden. Denn es ist allgemein bekannt, dass Frauen durchaus männliche Literatur lesen, dies aber umgekehrt eher selten der Fall ist. Neben Marlene Streeruwitz, Christa Wolf oder Virginia Woolf, zähle ich auch Karen Duve zu  einer bedeutenden Schriftstellerin unserer Zeit. Mit Regenroman widme ich mich heute ihrem Romandebüt aus dem Jahr 1999.

Handlung

»Ein Mann war jemand, der einen Haufen Geld verdiente, ein Haus besaß, Kinder zeugte, Autos reparieren konnte und jedes Gurkenglas aufbekam. Ein Mann war jemand, der einen stehen hatte, wenn es darauf ankam – und damit fertig.« Nichts von dem trifft auf den männlichen Protagonisten Leon, einen kleinen, bebrillten Autor aus Hamburg zu. Seine einzige Fähigkeit besteht darin, jede Frau rumzukriegen. Er zieht mit seiner Frau Martina – die eigentlich Roswitha heißt, aber dieser Name erscheint Leon als zu asozial – in ein kleines Haus auf dem Land, direkt am Moor gelegen. Denn, das weiß doch jeder, nur an einem ruhigen Ort mit phantastischer Aussicht kann man so richtig kreativ sein. Und Leon muss dringend kreativ sein, soll er doch für Rotlichtlegende Pfitzner dessen Biographie verfassen. Einen Vorschuss von 50. 000 DM hat er ebenfalls schon erhalten, die Zeit drängt also.

Doch es ist wie verhext. Kaum im neuen Haus angekommen, werden Leon vom Schicksal immer wieder neue Steine in den Weg gelegt, die die Fertigstellung seines Auftrags verzögern: Das Haus erweist sich als stark reparationsbedürftig, wegen der Lage am Moor ist es feucht und der ständige Regen trägt auch nicht zur Verbesserung der Situation bei. Ganz im Gegenteil: Die Feuchtigkeit beschert den beiden eine Schneckenplage, das Haus muss trocken gelegt und vorm Versinken geschützt werden und Leon schafft es nicht dem allen Herr zu werden. Als er sich letztlich bei seinen kläglichen Rettungsversuchen auch noch einen Hexenschuss zuzieht, muss er an allen Fronten kapitulieren.

Eine Roltlichtlegende von Pfitzners Kaliber lässt sich allerdings nur ungern vertrösten und die privaten Probleme seines Autors sind ihm ebenfalls völlig gleichgültig. Zweimal stattet er Leon einen Besuch ab, stets in Begleitung von Harry, seinem Handlanger und Leons bestem Freund. Während Pfitzner anfangs nur mal eben auf Rotlicht-Art die Machtverhältnisse klarstellt, wächst sich sein zweiter Besuch zu einem Showdown von ungeahnter Größe aus, nachdem nichts mehr so sein wird, wie es vorher war …

Rezension

Leon der Versager und die bulimische Martina, die sich stets fehl am Platz fühlt, ziehen aufs Land und müssen nun mit sich selbst und den dortigen Widrigkeiten kämpfen. Der Leser ahnt schnell: Das kann nur schief gehen. Karen Duve hat zwei Antihelden erschaffen, die sie schonungslos ihrem Untergang entgegentreibt. Zwischen Tragik und Komik hin und hergerissen, vielleicht auch ein wenig schadenfroh, verfolgt man als Leser, wie Leon verzweifelt versucht gegen die Natur anzukämpfen und noch besser: wie er immer wieder dabei scheitert und sich die Misere verschlimmert.

Wie der Name bereits verheißt, regnet es in diesem Roman beinahe ohne Unterlass. Überall ist Wasser, alles ist feucht. Fast scheint es, als würde, hielte man das Buch ein wenig schräger, das Wasser zwischen den Seiten herauslaufen. Und so, wie der Regen das Haus mit seiner Nässe durchzieht, Grundmauern und Fundament aufweicht, so geschieht es auch mit den Figuren, deren Leben, ihren Beziehungen zueinander. Wir werden Zeuge, wie das Leben der beiden Figuren langsam aber sicher aus den Fugen gerät. Dabei schildert Duve das ganze Ausmaß der menschlichen Abgründe so dezidiert und von sprachlicher Klarheit, dass es dem Leser unmöglich ist, das Geschehen aus einer gewissen Distanz auf sich wirken zu lassen. Dieser fehlenden Distanz ist es womöglich auch geschuldet, dass der Leser die zwei Antihelden bis zum Ende hin begleiten mag, nimmt er das Geschehen doch aus ihrer Position heraus in sich auf und verspürt daher neben all der Schadenfreude auch ein gewisses Mitgefühl für sie.

Fazit

Ein gelunges Debüt, das zwar schon einige Jahre zurückliegt, aber immer noch überzeugend und lesenswert ist, egal bei welchem Wetter!

Erschienen bei: List

zu kaufen: hier

 

 

 

 

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