Jeffrey Archer – Spiel der Zeit

Archer/Spiel der ZeitAls mir der Mann eine Hand auf den Hintern legte, hätte ich ihn ohrfeigen müssen, doch aus mehreren Gründen tat ich das nicht. Zunächst einmal hielt ich es für einen Vorteil, mit jemandem zu schlafen, den ich wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Und ich muss zugeben, dass ich mich von seinem Annäherungsversuch geschmeichelt fühlte.

 

Handlung

Harry Clifton, der Protagonist dieser Familiensaga, ist ein Junge aus ärmlichen Verhältnissen, der im englischen Bristol der Dreißigerjahre heranwächst.  Dort treibt er sich am liebsten am Hafen bei den Docks herum, wo auch sein Onkel Stan arbeitet, bei dem er gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Großmutter lebt. Der Hafen fasziniert ihn, er schwänzt die Schule, um sich dort herumtreiben zu können. Denn, mal ehrlich, wozu braucht man schon die Schule, wenn man bei den Docks lernen kann, wie man später Kapitän wird?

Doch das Schicksal hat andere Pläne mit dem kleinen Mann. Gesegnet mit einer ausgezeichneten Sopranstimme, erhält Harry schon bald ein Stipendium für eine Eliteschule, wo er auf seine Mitschüler Giles Barrington und Deakins trifft, die von nun an seine steten Begleiter und bald auch seine besten Freunde sind. Giles ist nicht nur der Erbe einer großen Schifffahrt-Dynastie, er macht Harry auch mit seiner Schwester Emma bekannt. Doch als Harry sich in die junge Frau verliebt, nimmt sein Leben eine dramatische Wendung …

Rezension

Das Zitat zu Beginn dieses Beitrags lässt es bereits vermuten: Dieser Roman hat soviel Tiefgang wie eine Petrischale. Im Prolog beschließt Maisie Clifton, Harrys Mutter und im weiteren Verlauf des Romans als eine Ausgeburt von Tugend und Ehrlichkeit angelegt, kurz vor ihrer Hochzeit mit einem fremden Mann ihr erstes Mal zu erleben. Zu diesem Entschluss gelangt sie nicht einfach so, nein, es geschieht vielmehr, weil sie sich davon geschmeichelt fühlt, dass ihr dieser Jemand unvermittelt an den Po fasst. Niemand ist unfehlbar. Die Divergenz zwischen der Handlung dieser Figur und ihres Charakters blieb scheinbar selbst dem Autor nicht verborgen, mit einem kleinen Kunstgriff stellt er das Gleichgewicht wieder her und nennt den Prolog neckisch Vorspiel. Wahrlich meisterhaft!

Doch kommen wir zur eigentlichen Handlung: Der kleine Harry, in Armut aufgewachsen, aber dennoch mit einem klugen Köpfchen und einem goldenen Herzen ausgestattet, verfügt über ein gottgegebenes Talent, welches ihm die Tore zu einem Eliteinternat und somit zu einer neuen Welt öffnet.  Man merkt es schnell, die Handlung bleibt so einzigartig wie ihr Niveau. Der Leser, der es bis hierhin geschafft hat und nun wissen will, wie es mit dem kleinen Harry weitergeht, wird auf dem Fluss der Mittelmäßigkeit durch die Handlung getragen, vorbei an Geschehnissen, die so vorhersehbar wie langweilig sind. Zugegeben: Im Laufe der Zeit entwickelt man eine gewisse Sympathie für den Protagonisten, auch einigen anderen Figuren, die Harry auf seinem Lebensweg begleiten, begegnet man mit Wohlwollen. Dies trifft vor allem auf Old Jack Tar zu, der am Hafengelände in einem Eisenbahnwaggon haust. Bei den Hafenarbeitern als verrückter Landstreicher verschrien, entpuppt er sich als äußerst weise und wird Harrys wichtigster Begleiter. Doch ehrlich betrachtet vermag auch dies nicht weiter zu verwundern, man kennt solche Figuren bereits aus zahlreichen Erzählungen.

Wenigstens verfügt Archer über soviel schriftstellerisches Know-how, seine Hauptfigur nicht gänzlich ohne Rückschläge durchs Leben gehen zu lassen, und so wird es zum Ende hin noch einmal richtig dramatsch. Leider muss auch hier gesagt werden: Wer den Anfang gelesen hat, weiß an dieser Stelle bereits was geschieht. Und so fällt der Spannungsbogen, die kurze Hoffnung des Lesers , dass sich das Dahingleiten auf besagtem Fluss endlich ausgezahlt haben könnte, letztlich in sich zusammen. Was bleibt, ist die Hoffnung darauf, niemals den zweiten Teil geschenkt zu bekommen.

Fazit

Nette Geschichte, bei der man das Gefühl nicht los wird, sie schon irgendwo mal gelesen zu haben. Vorhersehbare Handlung und seichte Charaktäre strapazieren schnell die Geduld des Lesers. Es würde nicht weiter verwundern, wenn die Figuren untergehakt gen Sonnenuntergang hüpften und I’ll get by with a little help from my friends singen würden.


erschienen bei HEYNE

erhältlich unter anderem hier

 

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